Sonntag, 28. Oktober 2012

Was jeder Autor braucht

Inzwischen wissen so ziemliche alle meiner Freunde, dass ich meine Freizeit gerne mit Schreiben verbringe - oder sie gerne damit verbringen würde, wenn mich nicht ständig andere Dinge ablenken würden. Das Internet, zum Beispiel. Dieser Blog hier. Andere Blogs. Internetforen. Bücher. YouTube-Videos. Fusseln.
Aber bloßes Wissen reicht natürlich nicht. Oh nein. Meine Freunde stellen auch Fragen.
Die, die ich bisher am häufigsten gehört habe, waren:

- "Warum?!"
- "Was schreibst du denn so?"

und, ganz besonders oft:
- "Und du setzt dich einfach hin und fängst an zu schreiben?"

Um mal die zwei oberen Fragen zu beantworten: Weil ich es kann und mir sonst der Kopf vor lauter Ideen platzt und ich völlig den (Rest-)Verstand verliere. Und ich schreibe alles, was mir einfällt. Manchmal sogar, bevor es mir einfällt.

Was die dritte Frage betrifft ...

"Und du setzt dich einfach hin und fängst an zu schreiben?"

Nein.

Jeder Schriftsteller und Lektor, der etwas auf sich hält, wird versichern, dass man sich tatsächlich einfach hinsetzt und schreibt. Von wegen! Wenn das so einfach wäre, würden es ja viel mehr Leute machen, nicht wahr?

Hier also das, was jeder Autor braucht, um tatsächlich zu schreiben:

1. Eine Idee

Überraschung! Tatsächlich hat im Leben noch nie jemand irgendeine eigene Geschichte geschrieben, ohne nicht wenigstens den Hauch einer Ahnung zu haben, um was es gehen soll.

Ein Beispiel: Als ich meinen ersten NaNo-Roman im November 2009 begann, hatte ich Folgendes: zwei Charaktere und einen schrottreifen Bus, der mitten im Nirgendwo spätnachts mit leerem Tank stehenbleibt.
Die gesamten 50.266 Wörter dieser Geschichte würden nicht existieren, wenn auch nur einer dieser drei Bestandteile gefehlt hätte.

2. Prokrastination, aka. "Der innere Schweinehund"

Wer mit diesem Wort nichts anfangen kann, hier eine Erklärung: prokrastinieren, v. - eine Aufgabe oder unangenehme Sache (z.B. Hausaufgaben) immer weiter vor sich herschieben und sich stattdessen mit völlig nebensächlichen Dingen beschäftigen. Zum Beispiel mit Internetforen. Blogs. YouToube-Videos. Büchern. FUSSELN!

Oder, um es mit den weisen Worten von B. J. Daniels auszudrücken:
"Es gibt Tage, da würde jeder Autor lieber freiwillig das Klo putzen, als zu schreiben."
An sich also eine Fähigkeit, auf die man lieber verzichten sollte, nicht wahr?

Falsch!

Meine Art der Prokrastination besteht hauptsächlich darin, Solitaire zu spielen. Eine Aufgabe, die wenig Aufmerksamkeit erfordert, man sich praktisch nicht bewegen muss und daher in Ruhe über etwas völlig anderes nachdenken kann. Die oben erwähnte Idee zum Beispiel.

3. Einen inneren Alarm

Nachdem jeder Autor einen inneren Schweinehund hat, den es zu überwinden gilt, braucht man auch einen internen Wecker, der besagtem Schweinehund einen ordentlichen Arschtritt verpasst und ihn vor die Tür befördert.

Seit ich im Januar angefangen habe, jeden Tag mindestens 500 Wörter zu schreiben, springt mein innerer Alarm verlässlich um spätestens 22:00 Uhr an und 'klingelt' so lange, bis ich schließlich anfange zu schreiben. Richtig still ist er aber erst, wenn die 500 erreicht sind.

In meinem Fall besteht der Alarm aus einem unguten Gefühl von Nervosität in der Magengegend, vergleichbar damit, dass man morgens ohne Hose aus dem Haus geht und das unbesimmte Gefühl hat, irgendwas wichtiges vergessen zu haben. Nur schlimmer.

Wenn mein innerer Alarm klingelt, ist es höchste Zeit, mit der Prokrastination aufzuhören. Sofort.
Und "sofort" bedeutet in diesem Fall, dass ich mich sofort bei all meinen Chat-Gesprächspartnern mit den Worten "Ich muss noch meine 500 schreiben!" entschuldige, das Netbook hochfahre und anfange zu schreiben. Geschrieben wird auf dem Netbook und prokrastiniert auf dem Laptop. Auf diese Art sagt mir allein schon der Aufenthaltsort meiner Finger, was die Stunde geschlagen hat.

4. Einen Fanclub

Natürlich gibt es Autoren, die ihr Leben lang im stillen Kämmerlein hocken und ihre Arbeit niemals veröffentlichen. Aber selbst sie haben irgendjemanden, der sie anfeuert. Ihr Spiegelbild, vielleicht. Der Schimmel auf dem Obst im Kühlschrank. Die Urne der Großmutter. Die Katze. Oder die imaginären Stimmen in ihrem Kopf.

Aber die meisten von uns gehen einen Schritt weiter und verraten irgendwem, irgendwo, dass wir tatsächlich schreiben. Eltern, Geschwistern, Partnern, Kindern oder Freunden. Oder einer Online-Community. Meistens, indem wir das Geschriebene präsentieren und dann hoffen, dass es für gut befunden wird.
"Jemandem das zu zeigen, was man geschrieben hat, ist etwa so, als würde man sich in einen Sarg legen, sich einen Pflock übers Herz halten und sagen: 'Mach schon!'."
Ich weiß, dass es Leute gibt, die all den Mist lesen wollen, den ich so fabriziere. Und sie sind felsenfest davon überzeugt, dass es kein Mist ist. Und wenn doch, dann wenigstens qualitativ hochwertiger Mist, den man noch als Düngemittel verwenden kann um Rosen zu züchten.

Und nicht nur das - sie schaffen es mit ihrer Begeisterung sogar, mich selbst davon zu überzeugen, dass ich tatsächlich schreiben kann.

Allein dafür lohnt es sich schon, eine Idee nicht nur zu haben, sondern auch den inneren Alarm anzuschalten und den Schweinehund rauszuwerfen, um besagte Idee tatsächlich umzusetzen.

Und das, meine lieben Leser, ist der Grund, warum ich auch weiterhin jedes Jahr im November beim NaNoWriMo mitmachen werde und warum ich auch weiterhin blogge und jeden Tag meine 500 Wörter schreibe und Zitate über das Schreiben sammle und selbst dann, wenn mich meine Charaktere nerven und die Worte nicht fließen wollen, ich immernoch glücklich bin, weil ich das tue, wozu ich geboren wurde:

Etwas Neues schaffen.

Alles Isi!

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